„Kriminalität ist ein sehr komplexes Phänomen“

Warum werden Menschen kriminell? Was passiert mit denen, die Opfer von Gewalt werden – beruflich, gesundheitlich und letztendlich auch wirtschaftlich? Und wie hängen Armut, Ungleichheit und Kriminalität wirklich zusammen? Anna Bindler und ihr Team am DIW Berlin forschen an den Schnittstellen von Ökonomie und Gesellschaft. Ihre Erkenntnisse zeigen: Wer Kriminalität verstehen will, muss tiefer blicken. Und manchmal auch in die Daten anderer Länder.

Sie leiten am DIW Berlin die Abteilung Kriminalität, Arbeit und Ungleichheit. Sie erforschen mit ihrem Team diese drei Themen. Wie hängen sie zusammen?

Anna Bindler: Bei uns in der Abteilung machen wir Kriminalitätsforschung aus wirtschaftswissenschaftlicher Perspektive. Ungleichheit ist dabei ein Querschnittsthema. Es geht unter anderem darum, inwiefern verschiedene Formen von sozialer und ökonomischer Ungleichheit Vorläufer von Kriminalität sind. Wir untersuchen aus ökonomischer Sicht: Warum entscheiden sich manche Menschen, kriminell zu werden? Wir schauen uns auch an, welche Kosten durch Kriminalität entstehen. Dabei geht es auch um soziale und ökonomische Ungleichheiten, sowohl auf Täter-, als auch auf Opferseite. Zum Beispiel bei Arbeitsmarktperspektiven und Bildungschancen.

Es gibt einen Zusammenhang zwischen sozialer Ungleichheit und Kriminalität.
© Adobe/magele-picture

Was genau erforschen Sie in diesem Kontext? Kann man beispielsweise die Kriminalitätsquoten von Marzahn und dem Grunewald vergleichen und daraus bestimmte Erkenntnisse ziehen?

Bindler: Da wäre ich ganz vorsichtig. In unserer Forschung geht es nicht darum, Einzelfälle zu vergleichen. Wir versuchen, systematische Zusammenhänge zu erkennen und zu erklären. Wenn man das macht, erkennt man ein Muster, das wir als Kreislauf zwischen Ungleichheit und Kriminalität charakterisieren. Als Beispiel:  Es gibt Gegenden, in denen es mehr Kriminalität gibt, und in denen gleichzeitig Menschen ärmer sind und Ungleichheit sichtbar ist. Wir versuchen dann zu verstehen: Wie hoch ist die Wahrscheinlichkeit, in diesen Gegenden Opfer einer Straftat zu werden oder vielleicht auch selber Täter oder Täterin zu werden?

Sie schauen sich auch die Folgen von Gewalt an. Wie stark sinkt denn beispielsweise das Erwerbseinkommen im Durchschnitt, wenn jemand Opfer von Gewalt geworden ist? Und warum ist das so?

Bindler: Genau das haben wir uns anhand von niederländischen Daten angeschaut. Wir haben genau betrachtet, was mit Menschen passiert, die Gewalt erfahren haben, zum Beispiel ihr Arbeitseinkommen betreffend. Wir konnten feststellen, dass es zu signifikanten Einkommenseinbußen gekommen ist, bei Männern monatlich um bis zu circa acht Prozent, bei Frauen um bis zu circa 13 Prozent. Warum ist das so? Wenn ich als Person Gewalt erfahre, dann steigt mein Risiko, dass ich gesundheitliche Probleme habe, vielleicht an einer psychischen Belastung oder einem Trauma leide. Das bedeutet, dass ich medizinische Behandlung brauche, dass ich vielleicht eine Zeit lang nicht arbeitsfähig bin. Vielleicht möchte ich auch meinen Job wechseln, weil ich eine bestimmte Strecke zur Arbeit nicht mehr auf mich nehmen möchte. Oder ich möchte an bestimmten Orten nicht mehr arbeiten. Es kann auch sein, dass ich dadurch meinen Job verliere, weniger Stunden arbeiten kann oder nicht befördert werde. So kommt es zu den Einkommensverlusten als Folge der Gewalterfahrung.

Warum ist es wichtig, sich in der Ökonomie mit Kriminalität zu beschäftigen? Und warum sollte dieser Aspekt in der wirtschaftlichen Forschung stärker beachtet werden?

Bindler: Kriminalität ist ein sehr komplexes Phänomen. Es gibt viele verschiedene Erklärungen, warum manche Menschen kriminell werden. Wir können nicht alles aus der wirtschaftswissenschaftlichen Perspektive erklären, aber es gibt diverse ökonomische Faktoren, die wir uns anschauen können. Stehen genügend Bildungsmöglichkeiten zur Verfügung? Wie stehen die Chancen auf dem Arbeitsmarkt? Wie sieht es mit Armut aus? Wenn man Kriminalität aus ökonomischer Perspektive betrachtet, öffnen wir ganz andere Handlungsoptionen. Wenn wir uns beispielsweise den Zusammenhang zwischen Bildung und Kriminalität anschauen, erkennen wir, dass es ein extrem hohes Präventionspotenzial hat, Bildungschancen zu verbessern. Wir wollen mit unserer Forschung eine Evidenzgrundlage schaffen und neue Perspektiven und Handlungsoptionen für die Politik öffnen.

Auch bessere Bildungschancen zu ermöglichen, kann Kriminalitätsprävention sein.
© Adobe/Daorson

Wie sind Sie persönlich denn zu dem Thema Kriminalität gekommen?

Bindler: Ich bin zur Promotion nach London gegangen und habe dort in der Kursphase einen Vertiefungskurs in Arbeitsmarktökonomie belegt. Dort gab es eine Sequenz zur Economics of Crime, bei der es um den Zusammenhang von Arbeitslosigkeit und Kriminalität ging. Das fand ich spannend und habe dann für meine Dissertation zu dem Thema geforscht.

In Deutschland sind Sie ziemlich einzigartig mit dieser Forschungskombination – Kriminalität, Arbeit, Ungleichheit. Wie sieht das im internationalen Vergleich aus?

Bindler: Im internationalen Vergleich ist Deutschland in diesem Forschungsgebiet relativ dünn aufgestellt.  Dass es eher wenig Forschung zu unserem Themengebiet gibt, hat auch etwas mit der Datenverfügbarkeit zu tun. Weil viele Daten für die Forschung in Deutschland nicht zur Verfügung stehen, arbeiten wir mit Daten aus anderen Ländern und in internationalen Kooperationen. Was mich sehr freut, ist, dass es immer mehr Doktorand*innen gibt, die sich für das Thema interessieren und so mehr Expertise aufgebaut wird.

Was zeigt denn die Forschung: Warum werden Menschen kriminell?

Bindler: Darauf gibt es keine einfache Antwort. Es gibt vielfältige Gründe, warum Menschen kriminell werden. Nicht immer treffen alle Gründe auf eine Person zu. Es gibt Dinge, die wir aus wirtschaftswissenschaflicher Perspektive nicht erfassen können. Wir kennen aber die Risikofaktoren aus ökonomischer Perspektive und das sind eben Faktoren wie geringe Bildungschancen, Armut, schlechte Arbeitsmarktperspektiven und Ungleichheit. Diese Faktoren treten immer wieder auf, dazu gibt es Evidenz aus verschiedenen Ländern.

Die Frage scheint ein bisschen so wie bei der Henne und dem Ei zu sein: Was war zuerst da? Werden Menschen kriminell, weil sie arm sind und ungleiche Chancen z.B. in der Bildung haben? Oder werden sie arm, weil sie kriminell waren? Was gibt es dazu für Erkenntnisse?

Bindler: Das ist tatsächlich genau das Problem, das wir versuchen mit dem Kreislauf zu beschreiben. Denn die Frage ist ja, wo fängt es an und wie herum läuft der Kreislauf. Was wir sagen können, ist, dass zum Beispiel Menschen, die von Armut betroffen sind, oft in Stadtteilen oder Nachbarschaften leben, in denen es mehr Kriminalität gibt. Das erhöht nicht nur das Risiko, Opfer einer Straftat zu werden. Es erhöht auch das Risiko, Täter*in zu werden. Die Folgen hatten wir ja schon besprochen: Die Konsequenzen für die Opfer können gesundheitliche Probleme, psychische Belastungen und daraus folgend wirtschaftliche Schwierigkeiten sein. Das wiederum kann sich auf die Bildung auswirken und Ungleichheiten noch verstärken. Auch für Täter*innen gibt es ähnliche Konsequenzen. Dazu kommen etwa Gefängnisaufenthalte, Vorstrafen, und dadurch wiederum geringere Arbeitsmarktchancen und eine Verfestigung der Ungleichheiten.

Was für Zahlen nutzen Sie, um sich dem Kreislauf aus Armut, Kriminalität und Ungleichheit zu nähern? Welche Zahlen gibt es dafür, welche fehlen Ihnen?

Bindler: Es gibt Länder, die über eine sehr gute Forschungsdateninfrastruktur verfügen. Darüber können Forscher*innen mit Mikrodaten arbeiten, die miteinander verknüpft werden können. Zum Beispiel Informationen zu Gewalterfahrung – etwa in Form einer gestellten Anzeige – und Arbeitsmarktdaten der gleichen Person.  Diese Verknüpfung innerhalb der Datensätze ermöglicht es uns, unsere Studien durchzuführen. Solche Datenverknüpfungen sind leider für Deutschland nicht möglich.

Ist abzusehen, dass sich daran etwas ändern wird?

Bindler: Wenn das Forschungsdatengesetz so wie diskutiert kommt, wäre das schon ein großer Schritt. Dann werden wir schauen müssen, womit wir für Deutschland arbeiten können.

In Ihrer Forschung betrachten Sie auch, wie unterschiedlich die Angst vor Kriminalität in Deutschland ist . Was für Daten verwenden Sie dafür?

Bindler: Dazu nutzen wir Daten des sozio-oekonomischen Panels (SOEP), in dem Menschen gefragt werden, ob sie sich Sorgen vor Kriminalität machen. Es geht also eher um das Sicherheitsempfinden. Dann gibt es die Zahlen vom Bundeskriminalamt zu Kriminalität an sich.

Und was zeigt Ihre Forschung: Haben Menschen weniger Angst vor Kriminalität, wenn sie abnimmt oder hängt das gar nicht zusammen?

Bindler: Wenn Sie jetzt fragen, ob die Angst vor Kriminalität mit der realen Entwicklung von Kriminalität zusammenhängt, gibt es – wieder – keine einfache Antwort. Grundsätzlich gibt es einen Rückgang in der Kriminalität. Das schwankt etwas und während der Coronapandemie sind die Zahlen zurückgegangen und danach wieder angestiegen. Aber grundsätzlich gibt es heute weniger Kriminalität in Deutschland als noch vor zwanzig Jahren. In Teilen der Bevölkerung läuft das zusammen mit dem Sicherheitsempfinden. Das bedeutet: Bei geringerer Kriminalitätsbelastung machen sich Menschen weniger Sorgen vor Kriminalität. Das trifft aber nicht immer zu. Wenn es große gesellschaftliche Umbrüche gibt, wie beispielsweise 2015/2016, als sehr viele Geflüchtete nach Deutschland kamen, oder aber, wenn es vermehrt Terroranschläge gibt, dann kann das Unsicherheiten bei Menschen verursachen. Das kann dazu führen, dass sie sich unsicherer fühlen, auch wenn Kriminalität faktisch nicht gestiegen ist.

© DIW Berlin

Was wissen wir noch darüber, wer Angst vor Kriminalität hat und was diese Angst mit der Kriminalität zu tun hat?

Bindler: Es ist schon so, dass Menschen, die in Gegenden mit viel Kriminalität leben, sich unsicherer fühlen. Gleichzeitig gibt es Großstädte mit hohen Kriminalitätsraten, in denen sich die Menschen sich relativ sicher fühlen. Es gibt hier also keinen Eins-zu-Eins-Zusammenhang. Frauen fühlen sich im Durchschnitt unsicherer als Männer. Anderseits sind es junge Männer, die das größte Risiko haben, Opfer von Kriminalität zu werden.

Was kostet Kriminalität denn den Staat?

Bindler:  Wir haben ja schon über die individuellen Kosten von Kriminalität gesprochen im Sinne der Einkommenseinbußen der Opfer. Es gibt aber auch Forscher*innen, die versuchen, die gesamtwirtschaftlichen Kosten darzustellen. Das beinhaltet auch die gesamten Kosten für das Justizsystem, Polizei, Gerichte, Gefängnisse etc. Für die USA ist eine Schätzung dabei auf zehn Prozent des Bruttoinlandsproduktes gekommen. Für Europa haben Wissenschaftler errechnet, dass die Kosten von Kriminalität vier bis sieben Prozent des Bruttoinlandsprodukts ausmachen. Diese Zahlen illustrieren sehr gut, dass Kriminalität für eine Gesellschaft sehr teuer ist.

Was wären denn sinnvollen politische Maßnahmen, um diesen Kreislauf zu durchbrechen?

Bindler: Grundsätzlich wäre es gut, wenn die Politik Maßnahmen umsetzte, die evidenz-basiert sind. Bei den Maßnahmen unterscheiden wir zwischen drei Bereichen: Prävention, Strafverfolung und Opferschutz. Gerade bei der Prävention und dem Opferschutz wäre mehr möglich. Über Dinge wie Bildungsgerechtigkeit und Arbeitsmarktperspektiven haben wir schon gesprochen, diese Art der Prävention würde viele verschiedenen Ziele abdecken, wäre ein absolute Win-Win-Situation.

Und was empfehlen Sie im Bereich Opferschutz, was würde da die Situation verbessern?

Bindler: Das ist ein ganz wichtiger Punkt. Wenn wir es nicht schaffen, Kriminalität zu verhindern, dann muss es gelingen, die Opfer adäquat zu unterstützen. Dabei geht es um viele Faktoren, zum Beispiel eine gesundheitliche Versorgung und um psychologische Betreuung, aber auch Unterstützung aus wirtschaftlicher Perspektive.

Sie sprachen davon, wie wichtig es ist, dass die Maßnahmen evidenzbasiert sind. Haben Sie einige Beispiele für die Kriminalpolitik in Deutschland, die sich an der Wissenschaft orientieren und vielleicht auch für solche, die das eben nicht tun?

Bindler: Positive Beispiele sind sicher die geplanten Maßnahmen im Bereich der häuslichen Gewalt, in denen sich Deutschland am sogenannten spanischen Modell orientiert. In Spanien wurde zum Beispiel die elektronische Überwachung implementiert und evaluiert. Dabei tragen   Täter und Opfer einen GPS-Sensor und im Fall, dass sich der Täter dem Opfer nähert, geht direkt ein Alarm an die Polizei. So konnten erfolgreich Femizide verhindert werden.

Das Interview führte Lena Högemann.

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