Wie sind Sie persönlich denn zu dem Thema Kriminalität gekommen?
Bindler: Ich bin zur Promotion nach London gegangen und habe dort in der Kursphase einen Vertiefungskurs in Arbeitsmarktökonomie belegt. Dort gab es eine Sequenz zur Economics of Crime, bei der es um den Zusammenhang von Arbeitslosigkeit und Kriminalität ging. Das fand ich spannend und habe dann für meine Dissertation zu dem Thema geforscht.
In Deutschland sind Sie ziemlich einzigartig mit dieser Forschungskombination – Kriminalität, Arbeit, Ungleichheit. Wie sieht das im internationalen Vergleich aus?
Bindler: Im internationalen Vergleich ist Deutschland in diesem Forschungsgebiet relativ dünn aufgestellt. Dass es eher wenig Forschung zu unserem Themengebiet gibt, hat auch etwas mit der Datenverfügbarkeit zu tun. Weil viele Daten für die Forschung in Deutschland nicht zur Verfügung stehen, arbeiten wir mit Daten aus anderen Ländern und in internationalen Kooperationen. Was mich sehr freut, ist, dass es immer mehr Doktorand*innen gibt, die sich für das Thema interessieren und so mehr Expertise aufgebaut wird.
Was zeigt denn die Forschung: Warum werden Menschen kriminell?
Bindler: Darauf gibt es keine einfache Antwort. Es gibt vielfältige Gründe, warum Menschen kriminell werden. Nicht immer treffen alle Gründe auf eine Person zu. Es gibt Dinge, die wir aus wirtschaftswissenschaflicher Perspektive nicht erfassen können. Wir kennen aber die Risikofaktoren aus ökonomischer Perspektive und das sind eben Faktoren wie geringe Bildungschancen, Armut, schlechte Arbeitsmarktperspektiven und Ungleichheit. Diese Faktoren treten immer wieder auf, dazu gibt es Evidenz aus verschiedenen Ländern.
Die Frage scheint ein bisschen so wie bei der Henne und dem Ei zu sein: Was war zuerst da? Werden Menschen kriminell, weil sie arm sind und ungleiche Chancen z.B. in der Bildung haben? Oder werden sie arm, weil sie kriminell waren? Was gibt es dazu für Erkenntnisse?
Bindler: Das ist tatsächlich genau das Problem, das wir versuchen mit dem Kreislauf zu beschreiben. Denn die Frage ist ja, wo fängt es an und wie herum läuft der Kreislauf. Was wir sagen können, ist, dass zum Beispiel Menschen, die von Armut betroffen sind, oft in Stadtteilen oder Nachbarschaften leben, in denen es mehr Kriminalität gibt. Das erhöht nicht nur das Risiko, Opfer einer Straftat zu werden. Es erhöht auch das Risiko, Täter*in zu werden. Die Folgen hatten wir ja schon besprochen: Die Konsequenzen für die Opfer können gesundheitliche Probleme, psychische Belastungen und daraus folgend wirtschaftliche Schwierigkeiten sein. Das wiederum kann sich auf die Bildung auswirken und Ungleichheiten noch verstärken. Auch für Täter*innen gibt es ähnliche Konsequenzen. Dazu kommen etwa Gefängnisaufenthalte, Vorstrafen, und dadurch wiederum geringere Arbeitsmarktchancen und eine Verfestigung der Ungleichheiten.
Was für Zahlen nutzen Sie, um sich dem Kreislauf aus Armut, Kriminalität und Ungleichheit zu nähern? Welche Zahlen gibt es dafür, welche fehlen Ihnen?
Bindler: Es gibt Länder, die über eine sehr gute Forschungsdateninfrastruktur verfügen. Darüber können Forscher*innen mit Mikrodaten arbeiten, die miteinander verknüpft werden können. Zum Beispiel Informationen zu Gewalterfahrung – etwa in Form einer gestellten Anzeige – und Arbeitsmarktdaten der gleichen Person. Diese Verknüpfung innerhalb der Datensätze ermöglicht es uns, unsere Studien durchzuführen. Solche Datenverknüpfungen sind leider für Deutschland nicht möglich.
Ist abzusehen, dass sich daran etwas ändern wird?
Bindler: Wenn das Forschungsdatengesetz so wie diskutiert kommt, wäre das schon ein großer Schritt. Dann werden wir schauen müssen, womit wir für Deutschland arbeiten können.
In Ihrer Forschung betrachten Sie auch, wie unterschiedlich die Angst vor Kriminalität in Deutschland ist . Was für Daten verwenden Sie dafür?
Bindler: Dazu nutzen wir Daten des sozio-oekonomischen Panels (SOEP), in dem Menschen gefragt werden, ob sie sich Sorgen vor Kriminalität machen. Es geht also eher um das Sicherheitsempfinden. Dann gibt es die Zahlen vom Bundeskriminalamt zu Kriminalität an sich.
Und was zeigt Ihre Forschung: Haben Menschen weniger Angst vor Kriminalität, wenn sie abnimmt oder hängt das gar nicht zusammen?
Bindler: Wenn Sie jetzt fragen, ob die Angst vor Kriminalität mit der realen Entwicklung von Kriminalität zusammenhängt, gibt es – wieder – keine einfache Antwort. Grundsätzlich gibt es einen Rückgang in der Kriminalität. Das schwankt etwas und während der Coronapandemie sind die Zahlen zurückgegangen und danach wieder angestiegen. Aber grundsätzlich gibt es heute weniger Kriminalität in Deutschland als noch vor zwanzig Jahren. In Teilen der Bevölkerung läuft das zusammen mit dem Sicherheitsempfinden. Das bedeutet: Bei geringerer Kriminalitätsbelastung machen sich Menschen weniger Sorgen vor Kriminalität. Das trifft aber nicht immer zu. Wenn es große gesellschaftliche Umbrüche gibt, wie beispielsweise 2015/2016, als sehr viele Geflüchtete nach Deutschland kamen, oder aber, wenn es vermehrt Terroranschläge gibt, dann kann das Unsicherheiten bei Menschen verursachen. Das kann dazu führen, dass sie sich unsicherer fühlen, auch wenn Kriminalität faktisch nicht gestiegen ist.