Sie haben eben gesagt, Paare finden sich nicht nur aufgrund ihres Vermögens, sie gleichen auch ihre Vermögen während der Beziehung an. Wie entsteht diese Angleichung?
Lersch: In der Familiengründungsphase ist dies häufig Wohneigentum, das gemeinsam erworben wird. Der zweite Prozess ist, dass sich Paare in ihrem Spar- und Investitionsverhalten angleichen, indem sie sich beispielsweise gegenseitig über mögliche Investitionen informieren und austauschen. Auch wenn sie dann getrennt Vermögen aufbauen, gleicht sich ihr Vermögen an.
Wenn wir uns die nach wie vor oft vorkommende klassische Rollenverteilung in Familien anschauen, bei denen der Mann eher in Vollzeit arbeitet und die Frau mehr unbezahlte Care-Arbeit übernimmt, würde man ja annehmen, dass Frauen dadurch auch über weniger Vermögen verfügen. Ist das falsch?
Eine Differenzierung ist sehr wichtig: Homogamie bedeutet nicht, dass die Paare tatsächlich das gleiche Vermögensniveau erreichen. Wir sehen in den Daten, dass es sehr deutliche Ungleichheiten im Vermögen zwischen den Geschlechtern gibt. Frauen haben in der Regel deutlich weniger Vermögen als Männer. Homogamie bedeutet aber, dass die reichsten Männer mit den reichsten Frauen zusammen sind, auch wenn zwischen ihnen ein Unterschied besteht.
Grundsätzlich sollte es ja jedem selbst überlassen sein, mit wem er oder sie zusammen ist. Ihre Forschung aber deutet eher darauf hin, dass das Private in diesem Fall politisch ist. Warum? Und haben Sie als Forscher schon einmal die Reaktion erlebt, dass Ihnen jemand sagt, dass Sie sich doch bitte aus dem Privatleben anderer heraushalten sollen?
Lersch: Die Reaktion habe ich bisher noch nicht erlebt. Es ist viel mehr so, dass es Menschen wirklich interessiert, wie sich Partner*innen finden. Das Ganze hat eine politische Dimension. Wenn Menschen zusammenfinden, passiert das eben nicht nur auf dieser kleinen Mikroebene, auf der sich das Paar verliebt und findet. Auf der Makroebene geht es uns als Forscher*innen darum, zu analysieren, welche gesellschaftlichen Muster sich aus individuellen Handlungen ergeben.
Was für politische Implikationen leiten Sie daraus ab?
Lersch: Die politischen Empfehlungen, die sich daraus ableiten lassen, sind natürlich nicht, dass wir steuern sollten, welcher Mann und welche Frau eine Partnerschaft eingehen. Aber man kann sehr wohl darüber nachdenken, ob wir eine Gesellschaft wollen, in der es mehr Austausch zwischen oben und unten gibt. Zum Beispiel, indem wir Bildungseinrichtungen schaffen, in denen Menschen aus verschiedenen sozialen Gruppen leichter zusammenkommen. Wir wissen ja, dass in Bildungseinrichtungen häufig Paare zusammenkommen, weil man dort einfach viel Zeit verbringt, und zwar in entscheidenden Lebensphasen. In Deutschland spielt das Vermögen immer noch eine große Rolle beim Zugang zu Bildungsinstitutionen.
Was heißt das konkret für mögliche politische Forderungen: Ein Verbot von Privatschulen zum Beispiel?
Lersch: Ich habe nichts gegen Privatschulen, aber ja, es wäre ein Beispiel für eine Möglichkeit, öffentliche Bildungseinrichtungen zu schaffen, die unabhängig vom Einkommen zugänglich sind.
Sie haben auch einen Vergleich zwischen Deutschland und Großbritannien vorgenommen. Gab es überraschende Ergebnisse oder Unterschiede zwischen dem Verhalten der Partner*innen in Deutschland und Großbritannien, die Sie während Ihrer Forschung entdeckt haben?
Lersch: Die Art der Daten, die wir für Deutschland und Großbritannien verwendet haben, ist sehr ähnlich. Daher konnten wir sie sehr gut vergleichen. Was für Deutschland auffällt, ist, dass das Vermögen der Eltern tatsächlich eine größere Rolle spielt. Das hatten wir nicht erwartet. Bei der Partnerwahl spielt also nicht nur das eigene Vermögen eine Rolle, sondern auch das der Eltern. Das passt aber auch zu anderen Forschungsergebnissen, die zeigen, dass der Hintergrund der Eltern in Deutschland einen großen Einfluss auf die Bildungschancen der Kinder hat. Und wir haben jetzt Belege dafür gefunden, dass dies auch für das Vermögen gilt – eine weitere Dimension, die Ungleichheit begünstigt.
Das Interview führte: Lena Högemann