Wie die Partnerwahl Ungleichheiten verstärkt

Gleich und Gleich gesellt sich gern, sagt man gerne. Das gilt für viele Bereiche des Lebens, auch für das Vermögen. Philipp Lersch forscht am DIW Berlin über den Zusammenhang von Partnerwahl und Vermögen. Im Interview erklärt er, wie die Partnerwahl Ungleichheit schafft und warum das ein Problem ist.

Sie forschen zum Zusammenhang zwischen Partnerwahl und Vermögen. Wie sind Sie darauf gekommen, sich mit diesem Thema zu beschäftigen?

Philipp Lersch: Ich beschäftige mich seit einiger Zeit mit der Vermögensungleichheit zwischen Männern und Frauen. Dabei ging es auch um die Frage, wie sich die Vermögensverteilung in einer Partnerschaft verändert. Es ist deutlich geworden, dass die Partnerwahl am Anfang ein ganz entscheidender Faktor für Ungleichheit ist und, dass wir uns damit auseinandersetzen müssen. Dazu gab und gibt es noch sehr wenig Forschung.

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Wieso ist es – gesellschaftlich und auch politisch betrachtet – wichtig, zu analysieren, warum Paare zueinander finden?

Lersch: Ein besonders wichtiger Punkt ist hier, dass Paare später oft Eltern werden. Wenn bestimmte Männer und Frauen, die über ein bestimmtes Vermögen verfügen, zusammenkommen und eine Partnerschaft eingehen, dann hat das Auswirkungen auf die Lebenschancen der Kinder. Diese Ungleichheiten, die wir zwischen Paaren sehen, setzen sich über Generationen fort.

Wie würden Sie denn die zentralen Ergebnisse Ihrer Forschung zusammenfassen?

Lersch: Wir haben dazu zwei Studien (Assortative Mating and Wealth Inequalities Between and Within Households und Dynamics of Wealth Homogamy in Couples) mit Daten aus Deutschland, Großbritannien und den USA veröffentlicht. Für Deutschland haben wir Daten aus dem Sozio-oekonomischen Panel (SOEP) verwendet. Dabei haben wir festgestellt, dass sich Paare in ihrem Vermögen sehr ähnlich sind, viel ähnlicher, als wenn sie zufällig zusammengekommen wären. Selbst wenn wir Faktoren wie Einkommen oder Bildung herausrechnen, gibt es diesen klaren Zusammenhang zwischen Vermögen und Partnerwahl. Es gibt auch Studien anderer Forscher*innen für Norwegen und die Schweiz die ähnliche Ergebnisse zeigen. Wir sehen also in den Daten, dass Menschen mit ähnlichem Vermögen zueinander finden. Paare finden sich nicht nur aufgrund ihres Vermögens, sie gleichen auch ihre Vermögen während der Beziehung an. Mit Paaren meinen wir in unserer Forschung heterosexuelle Paare, weil die Fallzahlen homosexueller Paare in den Daten zu gering sind, um daraus etwas ableiten zu können

Gibt es denn etwas an Ihrer Forschung, das Sie erstaunt hat?

Lersch: Als Soziologe fand ich dieses Ergebnis zunächst nicht überraschend, denn wir wissen schon lange, dass sich Paare finden, die sich ähnlich sind, zum Beispiel Paare mit ähnlichem Bildungsniveau. Interessant finde ich eine Beobachtung, die über die einzelnen Paare hinausgeht. Es gibt einen Zusammenhang zwischen der Ähnlichkeit innerhalb eines Paares und den Unterschieden zu anderen Paaren. In der Soziologie spricht man von einem Trade-off. Wenn sich die Paare innerhalb einer Beziehung in ihrem Vermögen immer ähnlicher werden, nehmen gleichzeitig die Vermögensunterschiede zwischen den Paaren zu. Wir haben es also mit zwei Dimensionen von Ungleichheit zu tun, die nicht gleichzeitig gelöst werden können.

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In Ihrer Forschung kommt der Begriff der „Wohlstands-Homogamie“ vor. Was genau meint dieser Begriff und warum ist er für die Analyse gesellschaftlicher Zusammenhänge wichtig?

Lersch: Homogamie ist erst einmal ein ganz allgemeiner Begriff, der beschreibt, dass Menschen sich ähneln. Das kann in unterschiedlichen Dimensionen der Fall sein, etwa bei Bildung oder Religion. Wenn es wie bei unserer Forschung darum geht, dass Menschen zusammenfinden, die ähnliches Vermögen haben, dann gibt es zwei mögliche Prozesse, die genau dazu führen. Menschen, die sich auf einem Partnermarkt bewegen, haben bestimmte Vorstellungen davon, wie ihr Partner oder ihre Partnerin sein sollte. Sie sollen ein besonders hohes Bildungsniveau, ein hohes Einkommen oder eben ein hohes Vermögen haben. Wenn alle Menschen diese Präferenz haben, führt das dazu, dass der reichste Mann mit der reichsten Frau zusammenkommt. So sortieren sich alle anderen ein, so dass auch der ärmste Mann mit einer armen Frau zusammen ist. Es entsteht also eine Wohlstands-Homogamie durch Wettbewerb. Zweitens: Menschen mit ähnlichen Bildungsabschlüssen, Vermögen und Einkommen gehen auch ähnlichen Freizeitbeschäftigungen nach. Sie lesen ähnliche Bücher, hören ähnliche Musik, haben ähnliche Freund*innen. Sie treffen sich auch, weil sie ähnlich ticken. Beide Mechanismen wirken ähnlich: Reiche Menschen finden eher in Partnerschaften zueinander.

Sie haben eben gesagt, Paare finden sich nicht nur aufgrund ihres Vermögens, sie gleichen auch ihre Vermögen während der Beziehung an. Wie entsteht diese Angleichung?

Lersch: In der Familiengründungsphase ist dies häufig Wohneigentum, das gemeinsam erworben wird. Der zweite Prozess ist, dass sich Paare in ihrem Spar- und Investitionsverhalten angleichen, indem sie sich beispielsweise gegenseitig über mögliche Investitionen informieren und austauschen. Auch wenn sie dann getrennt Vermögen aufbauen, gleicht sich ihr Vermögen an.

Wenn wir uns die nach wie vor oft vorkommende klassische Rollenverteilung in Familien anschauen, bei denen der Mann eher in Vollzeit arbeitet und die Frau mehr unbezahlte Care-Arbeit übernimmt, würde man ja annehmen, dass Frauen dadurch auch über weniger Vermögen verfügen. Ist das falsch?

Eine Differenzierung ist sehr wichtig: Homogamie bedeutet nicht, dass die Paare tatsächlich das gleiche Vermögensniveau erreichen. Wir sehen in den Daten, dass es sehr deutliche Ungleichheiten im Vermögen zwischen den Geschlechtern gibt. Frauen haben in der Regel deutlich weniger Vermögen als Männer. Homogamie bedeutet aber, dass die reichsten Männer mit den reichsten Frauen zusammen sind, auch wenn zwischen ihnen ein Unterschied besteht.

Grundsätzlich sollte es ja jedem selbst überlassen sein, mit wem er oder sie zusammen ist. Ihre Forschung aber deutet eher darauf hin, dass das Private in diesem Fall politisch ist. Warum? Und haben Sie als Forscher schon einmal die Reaktion erlebt, dass Ihnen jemand sagt, dass Sie sich doch bitte aus dem Privatleben anderer heraushalten sollen?

Lersch: Die Reaktion habe ich bisher noch nicht erlebt. Es ist viel mehr so, dass es Menschen wirklich interessiert, wie sich Partner*innen finden. Das Ganze hat eine politische Dimension. Wenn Menschen zusammenfinden, passiert das eben nicht nur auf dieser kleinen Mikroebene, auf der sich das Paar verliebt und findet. Auf der Makroebene geht es uns als Forscher*innen darum, zu analysieren, welche gesellschaftlichen Muster sich aus individuellen Handlungen ergeben.

Was für politische Implikationen leiten Sie daraus ab?

Lersch: Die politischen Empfehlungen, die sich daraus ableiten lassen, sind natürlich nicht, dass wir steuern sollten, welcher Mann und welche Frau eine Partnerschaft eingehen. Aber man kann sehr wohl darüber nachdenken, ob wir eine Gesellschaft wollen, in der es mehr Austausch zwischen oben und unten gibt. Zum Beispiel, indem wir Bildungseinrichtungen schaffen, in denen Menschen aus verschiedenen sozialen Gruppen leichter zusammenkommen. Wir wissen ja, dass in Bildungseinrichtungen häufig Paare zusammenkommen, weil man dort einfach viel Zeit verbringt, und zwar in entscheidenden Lebensphasen. In Deutschland spielt das Vermögen immer noch eine große Rolle beim Zugang zu Bildungsinstitutionen.

Was heißt das konkret für mögliche politische Forderungen: Ein Verbot von Privatschulen zum Beispiel?

Lersch: Ich habe nichts gegen Privatschulen, aber ja, es wäre ein Beispiel für eine Möglichkeit, öffentliche Bildungseinrichtungen zu schaffen, die unabhängig vom Einkommen zugänglich sind.

Sie haben auch einen Vergleich zwischen Deutschland und Großbritannien vorgenommen. Gab es überraschende Ergebnisse oder Unterschiede zwischen dem Verhalten der Partner*innen in Deutschland und Großbritannien, die Sie während Ihrer Forschung entdeckt haben?

Lersch: Die Art der Daten, die wir für Deutschland und Großbritannien verwendet haben, ist sehr ähnlich. Daher konnten wir sie sehr gut vergleichen. Was für Deutschland auffällt, ist, dass das Vermögen der Eltern tatsächlich eine größere Rolle spielt. Das hatten wir nicht erwartet. Bei der Partnerwahl spielt also nicht nur das eigene Vermögen eine Rolle, sondern auch das der Eltern. Das passt aber auch zu anderen Forschungsergebnissen, die zeigen, dass der Hintergrund der Eltern in Deutschland einen großen Einfluss auf die Bildungschancen der Kinder hat. Und wir haben jetzt Belege dafür gefunden, dass dies auch für das Vermögen gilt – eine weitere Dimension, die Ungleichheit begünstigt.

Das Interview führte: Lena Högemann

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