Blog Marcel Fratzscher vom 15. Juni 2026
Darüber, wie Deutschland zu mehr Wachstum kommen kann, wird viel diskutiert. Was fehlt: eine gerechte Frauenpolitik. Die fängt etwa beim Ehegattensplitting an.
Die Bundesregierung diskutiert derzeit über viele große Reformen – bei Rente, Pflege, Steuern, Sozialstaat und Fachkräften. Es geht um die Frage, wie Deutschland aus seiner wirtschaftlichen Schwäche herausfinden kann. Doch ein wichtiges Thema bleibt bisher weitgehend unbeachtet: die Gleichstellung von Frauen. Es geht dabei nicht nur um Gerechtigkeit. Es geht um zentrale Voraussetzungen einer funktionierenden Demokratie und sozialen Marktwirtschaft: gleiche Chancen und gleiche Freiheiten für alle Menschen. Und es geht um ökonomische Vernunft. Kein Land kann es sich leisten, auf das Potenzial der Hälfte seiner Bevölkerung zu verzichten – schon gar nicht Deutschland in Zeiten von demografischem Wandel, Fachkräftemangel und Transformation.
Diese Kolumne von Marcel Fratzscher erschien am 12. Juni 2026 in der ZEIT in der Reihe Fratzschers Verteilungsfragen.
Vor diesem Hintergrund haben in der vergangenen Woche acht Initiatorinnen und Initiatoren einen offenen Brief an den Bundeskanzler und Vizekanzler veröffentlicht und eine Reform des Ehegattensplittings vorgeschlagen. Ich habe den Brief neben 14 weiteren Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern mitunterschrieben und halte ihn für enorm wichtig. Denn der Vorschlag zur Reform des Ehegattensplittings ist pragmatisch und bezieht möglichst viele Positionen ein. Es handelt sich um ein begrenztes Realsplitting: Die Ehe soll steuerlich weiter anerkannt, aber der unbegrenzte Vorteil für Paare mit sehr ungleichen Einkommen begrenzt werden. Die Mittel würden dann stärker zu Familien mit Kindern gelenkt werden. So werden drei Ziele verbunden: Respekt vor Ehe und Familie, bessere Förderung von Kindern und stärkere Erwerbsanreize für Frauen.
Die Debatte über Gleichstellung wird in Deutschland noch immer zu oft moralisch geführt – als gehe es darum, Frauen vorzuschreiben, wie sie zu leben haben. Das Gegenteil ist richtig. Gute Gleichstellungspolitik schafft Freiheit. Sie nimmt niemandem die Entscheidung ab, wie Familie und Beruf organisiert werden sollen. Aber sie beseitigt staatlich geschaffene Hürden, die heute viele Frauen in Teilzeit, Minijobs, finanzielle Abhängigkeit und später in Altersarmut drängen. Wer behauptet, viele Frauen arbeiteten »freiwillig« weniger, ignoriert, wie unfrei Entscheidungen werden, wenn Kitaplätze fehlen, Ganztagsschulen nicht funktionieren, Minijobs privilegiert werden, das Ehegattensplitting Mehrarbeit bestraft und die beitragsfreie Mitversicherung die Ein- oder Zuverdienerehe belohnt.
Eine DIW-Studie für die Bertelsmann-Stiftung zeigt genau das: Für viele Frauen lohnt sich mehr Erwerbsarbeit nach der Kinderphase finanziell zu wenig. Wer als verheiratete Frau nach einer Familienphase die Arbeitszeit ausweiten möchte, trifft auf hohe steuerliche Grenzbelastungen, wegfallende finanzielle Vorteile und oft auf eine Arbeitswelt, die Teilzeit zwar duldet, Karrieren in Teilzeit aber bestraft. Das Ergebnis ist eine gigantische Verschwendung von Talenten. Deutschland spricht ständig über Fachkräftemangel, aber ignoriert dabei eines seiner größten ungenutzten Potenziale, nämlich qualifizierte, motivierte Frauen, die mehr arbeiten wollen, aber durch falsche Rahmenbedingungen daran gehindert werden.
ie Bundesregierung muss deshalb in drei Bereichen handeln. Erstens braucht Deutschland massive Investitionen in Infrastruktur wie Kitas, Ganztagsschulen, Pflege und Bildung. Es reicht nicht, einen Rechtsanspruch zu beschließen, wenn die Qualität schlecht ist und Öffnungszeiten unzuverlässig sind. Gute Kinderbetreuung ist wirtschaftliche Infrastruktur – so wichtig wie Straßen, Schienen oder digitale Netze. Studien des DIW Berlin zeigen seit Jahren, dass Ganztagsschulen und Hortangebote die Erwerbstätigkeit von Müttern erhöhen können. Dasselbe gilt für die Pflege: Solange informelle Pflegearbeit vor allem von Frauen getragen wird, bleibt Gleichstellung auf dem Arbeitsmarkt eine Illusion und der Gender-Care-Gap groß.
Zweitens müssen die finanziellen Anreize deutlich verbessert werden. Ehegattensplitting, beitragsfreie Mitversicherung und Minijobs wirken in Kombination wie eine Teilzeitfalle. Sie machen es für viele Frauen rational, weniger oder gar nicht zu arbeiten. Eine Reform des Splittings allein reicht nicht, sie muss mit einer Reform der Minijobs und der Mitversicherung verbunden werden. Minijobs sollten nicht länger eine Sackgasse mit schlechter sozialer Absicherung sein, sondern eine Brücke in reguläre, sozialversicherungspflichtige Beschäftigung.
Drittens muss Diskriminierung auf dem Arbeitsmarkt konsequenter bekämpft werden. Frauen werden seltener befördert, arbeiten häufiger in unterbewerteten Berufen, tragen mehr unbezahlte Sorgearbeit und verdienen im Durchschnitt weniger. Der Gender-Pay-Gap in Deutschland ist im internationalen Vergleich hoch und Ausdruck ungleicher Macht und ungleicher Chancen. Analysen zeigen, dass die Lohnlücke mit dem Alter stark zunimmt und gerade bei hoch qualifizierten Frauen besonders groß werden kann. Die europäische Entgelttransparenzrichtlinie – deren Umsetzung Deutschland bisher schuldig bleibt – ist deshalb ein überfälliger Schritt. Gleicher Lohn für gleiche und gleichwertige Arbeit darf nicht länger ein Versprechen bleiben, das Frauen individuell einklagen müssen.
Die größte Hürde sind aber Werte, Rollenbilder und Machtstrukturen – oft verteidigt von Männern, die noch immer an den Schaltstellen von Politik, Wirtschaft und Verwaltung sitzen und Veränderungen blockieren. Diese Männer behaupten, Frauen hätten freie Wahlmöglichkeiten und könnten ihren Lebensweg uneingeschränkt selbst bestimmen, halten zugleich aber an Strukturen fest, die genau diese Möglichkeiten begrenzen. Sie ignorieren, dass viele Familien heute ganz anders leben wollen als vor 40 Jahren.
Das Paradoxe ist, dass viele junge Männer und Väter in ihren Einstellungen progressiver sind als die Politik. Umfragen zeigen: Sie wollen Zeit mit ihren Kindern verbringen, Verantwortung in der Familie übernehmen und ihren Partnerinnen gleiche Chancen ermöglichen. Viele junge Paare wünschen sich eine partnerschaftliche Aufteilung von Erwerbs- und Sorgearbeit. Aber auch sie scheitern an Arbeitskulturen, die Männer für eine längere Elternzeit belächeln, an Unternehmen, die Führung in Teilzeit kaum zulassen, und an Kitas und Schulen, die mit Vollzeiterwerbstätigkeit beider Eltern nicht kompatibel sind.
Deshalb muss die Reform des Elterngeldes in die richtige Richtung gehen. Sie sollte helfen, Väter stärker in Verantwortung zu bringen, partnerschaftliche Modelle belohnen und Müttern den Wiedereinstieg in den Beruf erleichtern. Gute Familienpolitik ist die Politik, die beiden Elternteilen echte Optionen gibt, um Erwerbsarbeit, Sorgearbeit, Karriere und Familie fairer zu teilen.
Ich habe bereits in früheren Kolumnen argumentiert, dass die Erwerbstätigkeit von Frauen das größte ungenutzte wirtschaftliche Potenzial Deutschlands ist. Heute gilt dies noch stärker. Die Bundesregierung sollte Gleichstellungspolitik nicht als Randthema behandeln, sondern als Kern ihrer Wirtschafts-, Sozial- und Zukunftspolitik.
Themen: Familie , Gender , Öffentliche Finanzen , Steuern , Ungleichheit