Diese Lücke der Wiedervereinigung wird zu oft übersehen

Blog Marcel Fratzscher vom 5. Oktober 2026

Private Vermögen sind zwischen Ost und West sehr ungleich verteilt. Die Kluft droht weiter zu wachsen. Es sei denn, die Politik ändert etwas Grundlegendes.

Die vergangenen 36 Jahre waren wirtschaftlich eine große Erfolgsgeschichte für Ostdeutschland, auch wenn häufig der gegenteilige Eindruck vermittelt wird. Beschäftigung, Löhne, Einkommen und Lebensstandard haben sich fast überall im Osten dem Westen angenähert. Zwar liegt das durchschnittlich verfügbare Einkommen pro Kopf im Osten noch immer etwas unter dem im Westen. Dafür sind die Lebenshaltungskosten in vielen Regionen Ostdeutschlands geringer, und manche erfolgreiche Region im Osten, sei es Leipzig, Dresden oder Jena, hat ein höheres Pro-Kopf-Einkommen und einen höheren Lebensstandard als viele westdeutsche Regionen.

Diese Kolumne von Marcel Fratzscher erschien am 2. Oktober 2026 in der ZEIT in der Reihe Fratzschers Verteilungsfragen.

Eine große Ausnahme stellen jedoch die privaten Vermögen dar: Viele Menschen in Ostdeutschland haben keine nennenswerten Ersparnisse. Eine große Zahl von ihnen hängt vom Sozialstaat ab und sorgt sich verständlicherweise entsprechend stark vor Kürzungen. Die Politik muss dieses Problem lösen, wenn sie Eigenverantwortung, Demokratie und Chancen für Menschen im Osten stärken will.

Lange Zeit waren die privaten Vermögen – Immobilieneigentum, Eigentum an Unternehmen und Finanzvermögen – ein blinder Fleck in diesem Diskurs. Vermögen wirkt sich nicht unmittelbar auf den Lebensstandard der Menschen aus. In einer alternden Gesellschaft mit einem unter Druck stehenden Sozialstaat gewinnen private Vermögen jedoch eine essenzielle Rolle: Sie schaffen Sicherheit und eröffnen Freiheiten, wichtige Entscheidungen im Leben selbst bestimmen zu können – von Konsumentscheidungen über die Absicherung der Kinder und Enkelkinder bis hin zur Entscheidung über den Wohnort und die Pflege im Alter. Auch deshalb wirken sich höhere Vermögen stärker auf die Zufriedenheit aus als steigende Gehälter, wie die Glücksforschung zeigt. 

Sehr viele Haushalte im Osten besitzen fast nichts

Und bei den privaten Vermögen ist der Unterschied zwischen Ost- und Westdeutschland enorm. 35.900 Euro betrug 2023 der Median des Nettovermögens in Ostdeutschland, also das Vermögen des Haushalts genau in der Mitte der Verteilung, im Vergleich zu 143.200 Euro im Westen. Beim Durchschnitt ist die Lücke kleiner: 170.100 Euro im Osten stehen 364.900 Euro im Westen gegenüber. Das zeigen die aktuellen Daten der Vermögensbefragung der Deutschen Bundesbank.

Wohneigentum und Unternehmensvermögen ist im Osten seltener

Hinzu kommt eine deutlich höhere Ungleichheit der privaten Vermögen innerhalb von Ostdeutschland. Sehr viele Haushalte dort besitzen fast gar nichts. Dies dokumentiert eine Studie des DIW Berlin; auch der Sachverständigenrat zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung untersucht die hohe Vermögensungleichheit und ihre Ursachen. Nur 29 Prozent der ostdeutschen Haushalte verfügen über Wohneigentum, gegenüber 45 Prozent der westdeutschen. Auch Unternehmensvermögen ist deutlich seltener vorhanden. Gleichzeitig spielt Finanzvermögen für ostdeutsche Haushalte eine größere Rolle, während Immobilien und Unternehmensvermögen im Westen stärker ins Gewicht fallen.

In Osteuropa wurden mehr Wohnungen an die Bewohner*innen übertragen

Die Ursache dafür liegt zum einen in den unterschiedlichen Ausgangsbedingungen und zum anderen in politischen Entscheidungen nach der Wiedervereinigung. So wurden in Ländern wie Ungarn, Polen oder der Slowakei Wohnungen nach der Auflösung der Sowjetunion in großem Umfang an ihre Bewohner*innen übertragen. In Ostdeutschland verblieben sie häufiger im Besitz von Wohnungsunternehmen oder wurden von Investoren gekauft. Viele ehemalige Treuhandunternehmen, gerade die größeren, wechselten in den Besitz westdeutscher oder ausländischer Eigentümer. Die langfristigen Folgen dieser Eigentumsstrukturen untersucht unter anderem eine Studie zu Familienunternehmen in den neuen Bundesländern

Bei der Rente profitierten viele ostdeutsche Frauen

Die Strategie der Bundesrepublik Deutschland war es, die ostdeutschen Länder vor allem in Bezug auf Einkommen, soziale Absicherung und öffentliche Transfers an die westlichen anzugleichen. Eine breitere Übertragung von Immobilien- und Unternehmenseigentum hätte den Ostdeutschen mehr Vermögen ermöglicht und damit mehr Eigenverantwortung. Zugleich weisen manche zu Recht darauf hin, dass die Rentenanwartschaften von Menschen in Ostdeutschland, vor allem von ostdeutschen Frauen, vergleichsweise vorteilhaft sind. Dies liegt vor allem an längeren Erwerbsbiografien und der früheren Aufwertung niedrigerer ostdeutscher Löhne bei der Rentenberechnung. Dies zeigt eine DIW-Studie zu Rentenanwartschaften.

Immobilen und Vermögen sollte höher besteuert werden

Ein zweiter zentraler Grund für die Ungleichheit ist und bleibt das deutsche Steuersystem. Denn es gibt kaum ein Land in der Welt, das Arbeit stärker und gleichzeitig Vermögen geringer besteuert. Deutschland hat innerhalb der OECD eine der höchsten Steuer- und Abgabenbelastungen auf Arbeit. Steuern auf Vermögen spielen dagegen eine vergleichsweise geringe Rolle. Die OECD empfiehlt Deutschland daher schon lange, die Belastung von Arbeit zu reduzieren und die von Immobilien, Erbschaften und anderen Vermögenssteuern zu erhöhen.

Die Ungleichheit privater Vermögen könnte weiter wachsen

So ist auch die Differenz der privaten Vermögen in Euro zwischen Ost und West in den vergangenen Jahren groß geblieben und sogar weiter gestiegen. Viele Immobilien und Unternehmen haben stark an Wert gewonnen, während sichere Finanzanlagen, die für die Vermögen ostdeutscher Haushalte eine größere Rolle spielen, von diesen Wertsteigerungen deutlich weniger profitiert haben. Der Sachverständigenrat der Bundesregierung zeigt, dass Unterschiede in der Zusammensetzung der Vermögen und damit in den erzielten Renditen eine wichtige Rolle für die Vermögensungleichheit spielen.

Mit Blick auf die Zukunft deutet vieles darauf hin, dass die Ungleichheit privater Vermögen nicht nur innerhalb Deutschlands, sondern auch zwischen Ost- und Westdeutschland weiter wachsen könnte. Vor allem Immobilien- und Unternehmensvermögen könnten weiterhin stärker im Wert steigen als sichere Spareinlagen.

Auch Erbschaften spielen eine immer größere Rolle. Mehr als die Hälfte des privaten Vermögens in Deutschland stammt aus Erbschaften und Schenkungen. Diese sind sehr ungleich verteilt und fallen wiederum im Westen deutlich größer aus als im Osten. Die reichsten zehn Prozent der Empfänger erhalten rund die Hälfte des gesamten Erbschafts- und Schenkungsvolumens. Das zeigt eine DIW-Studie zu Erbschaften und Schenkungen. Der deutsche Staat besteuert Erbschaften und Immobilien im internationalen Vergleich relativ gering, während er Einkommen und Löhne hoch belastet. Dies wird die Ungleichheit zwischen Menschen mit und ohne Vermögen auch künftig weiter vergrößern.

Eher viel Wohneigentum auf dem Land – wo der Wert sinkt

Hinzu kommt die Demografie: Gerade dort, wo es vergleichsweise hohe Eigentumsquoten gibt, sinkt die Nachfrage nach Immobilien, weil unsere Gesellschaft altert und Menschen aus ländlichen Gebieten in Städte abwandern. Hausbesitzer*innen in prosperierenden Städten und deren Umland profitieren von steigenden Immobilien- und Bodenpreisen. Wohneigentum ist dort jedoch deutlich seltener, während es viele Mieter*innen gibt, die unter höheren Belastungen leiden. Dies kann die Vermögensungleichheit weiter erhöhen.

Die große und wahrscheinlich auch in den kommenden Jahren weiter steigende Ungleichheit privater Vermögen, sowohl zwischen West und Ost als auch innerhalb Ostdeutschlands, dürfte sich als eine der großen gesellschaftlichen und politischen Herausforderungen erweisen. Denn in einer alternden Gesellschaft schafft fehlendes privates Vermögen eine stärkere Abhängigkeit vom Sozialstaat und kann das Gefühl fehlender Chancen und Freiheiten sowie gesellschaftliche Unzufriedenheit verstärken. Auch politische Polarisierung und ein weiterer Rechtsruck könnten dadurch begünstigt werden, nicht nur, aber vor allem auch im Osten.

Es geht um einen Beitrag großer Vermögen am Gemeinwohl

Eine zentrale politische Frage lautet daher: Wie gelingt es, aus der erfolgreichen Einkommenskonvergenz der vergangenen 36 Jahre eine Eigentums- und Chancenkonvergenz der kommenden 20 Jahre zu machen? Eine Stärkung der privaten Altersvorsorge, wie sie derzeit mit der Rentenreform geplant ist, und eine Wohnungsbaupolitik, die den Preisdruck dämpft, sind sicherlich notwendige Schritte. Sie werden das Problem jedoch nicht ausreichend lösen.

Es wird kein Weg an einer grundlegenden Reform des deutschen Steuersystems vorbeiführen. Eine solche Reform muss Arbeit – also Einkommen und Löhne der Beschäftigten – deutlich entlasten und im Gegenzug Vermögen, vor allem Immobilien, Immobiliengewinne, Erbschaften und große Unternehmensvermögen, deutlich stärker am Gemeinwohl beteiligen.

Bei einer stärkeren Beteiligung von Vermögen und insbesondere großen Vermögen geht es nicht um eine Neiddebatte. Sondern es geht um einen angemessenen Beitrag zum Gemeinwohl und darum, das gesellschaftliche Ziel des Vermögensaufbaus vor allem in der Mitte und unteren Mitte der Gesellschaft in den kommenden zehn Jahren besser zu erreichen. Und mehr privates Eigentum und Vermögen führt auch zu mehr Eigenverantwortung und somit zur Chance, die Demokratie zu stärken.

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