Was machen, wenn es keine deutschen Daten gibt?

Was können Forscher*innen machen, wenn sie ein Thema erforschen wollen, zu dem es keine Daten aus Deutschland gibt? Antwort: Sie nehmen Daten aus anderen Ländern. Denn die Forschungsdateninfrastruktur ist in etlichen anderen Ländern besser als bei uns. Am DIW Berlin beschäftigen sich verschiedene Wissenschaftler*innen mit Fragestellungen, für die deutsche Daten fehlen. Wir betrachten drei Themen für deren Erforschung ausländische Daten verwendet wurden und beantworten die Frage: Welche Erkenntnisse aus der Forschung lassen sich auf Deutschland übertragen?

Von Antibiotika-Resistenzen, Bildungschancen und Auswirkungen von Gewalt

In Dänemark gibt es medizinische Daten, von denen Forscher*innen in Deutschland nur träumen können. Mithilfe einer Personenidentifikationsnummer können alle möglichen administrativen Daten zusammengetragen werden. DIW-Ökonom Hannes Ullrich, der mit dänischen Daten an seinem Forschungsprojekt zu Antibiotikaresistenzen arbeitet, erklärt den Hintergrund so: „Ein Gesetz regelt in Dänemark, dass alles, was durch die öffentliche Verwaltung an Daten generiert wird, für die Forschung zur Verfügung gestellt werden muss, wenn es ein öffentliches Interesse gibt.“ Im Fall seiner Forschung sind das: Angaben zu Medikamentenverschreibungen, den Arztpraxen und Ärzt*innen, die die Verschreibung vorgenommen haben, Labordaten, Abrechnungsdaten von Praxen und Krankenhäusern, Haushaltsdaten, wie Wohnorte, Beruf und Einkommen der jeweiligen Personen. „Dass wir diese Daten auf individueller Ebene verknüpfen konnten, ist schon beeindruckend, wird aber international immer mehr zum Standard“, sagt Ullrich. Dabei herausgefunden haben Ullrich und sein Team unter anderem, dass es sehr große Unterschiede gibt zwischen den Verschreibungspraktiken der Ärzt*innen. Diese Unterschiede lassen sich nicht nur mit den Versorgungsbedarfen der Patient*innen erklären, sondern mit den individuellen Behandlungsstilen. Gerade bei jungen Ärzt*innen und in Gemeinschaftspraxen werde weniger häufig Antibiotika verschrieben, die stark variierende Verwendung von Diagnosewerkzeugen spielt aber auch eine wichtige Rolle. Rund die Hälfte aller Unterschiede (49,7 Prozent) ist mit diesen individuellen Behandlungsstilen zu erklären.infoVergl. DIW Berlin (2024): Große Unterschiede bei Antibiotikaverschreibungen lassen auf Ineffizienzen schließen, abrufbar unter: https://www.diw.de/de/diw_01.c.914530.de/publikationen/wochenberichte/2024_38_1/grosse_unterschiede_bei_antibiotikaverschreibungen_lassen_auf_ineffizienzen_schliessen.html S. 591 Hierauf aufbauend erforscht Hannes Ullrich, inwieweit künstliche Intelligenz in Zukunft unter Verwendung von Patientendaten zu effizienter Antibiotikanutzung beitragen kann.

© DIW Berlin

Jascha Dräger, Bildungsforscher am DIW Berlin, hat untersucht wie sich Fehltage von Schüler*innen auf ihre Abschlussnoten auswirken. Dazu konnte Dräger Daten aus der englischen Schuldatenbank verwenden und diese mit Befragungsdaten verflechten. „Das Thema ist in der britischen Politik viel präsenter“, sagt Dräger. Alle halbe Jahre werden beispielsweise Daten zu Fehltagen veröffentlicht. In Deutschland gäbe es nur sehr wenige solcher Daten, nur in Berlin und Thüringen werden beispielsweise Fehltage erfasst und veröffentlicht. „Rückschlüsse auf Abschlussnoten, wie wir es hier für England gemacht haben, lassen sich aus den deutschen Daten aber nicht ziehen.“ Denn es fehle die individuelle Ebene, die Kopplung der Daten an den einzelnen Schüler oder die einzelne Schülerin, wie es in England erfasst wird. In Berlin werden die Daten nur auf Bezirksebene veröffentlicht, in Thüringen nur auf Schulebene. „Das reicht nicht um Ursachen oder Konsequenzen von Fehltagen zu untersuchen“, erklärt Dräger. Für England konnte Dräger herausfinden, dass jeder Fehltag in der Schule negative Auswirkungen auf die Abschlussnote hat. Fehlzeiten in der 6 bis 10 Klassenstufe haben besonders starke negative Auswirkungen auf die Abschlussnote.infoVergl. DIW Berlin (2025): Beispiel England zeigt: Jeder Fehltag in der Schule geht mit schlechteren Abschlussnoten einher, abrufbar unter https://www.diw.de/de/diw_01.c.971694.de/publikationen/wochenberichte/2025_34_1/beispiel_england_zeigt__jeder_fehltag_in_der_schule_geht_mit_schlechteren_abschlussnoten_einher.html S. 511

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Anna Bindler leitet am DIW Berlin die Abteilung Arbeit, Kriminalität und Ungleichheit. Sie hat mit ihren Kolleg*innen anhand niederländischer Daten angeschaut, was mit Menschen passiert, die Gewalt erfahren haben. Auch in den Niederlanden gibt es wesentlich mehr und vor allem individuelle, verknüpfbare Daten. Bindler und ihre Koautor*innen konnten so abgleichen, wie sich beispielsweise die Arbeitseinkommen von Menschen entwickeln, nachdem sie Opfer von Gewalt geworden sind. „Wir konnten feststellen, dass es zu signifikanten Einkommenseinbußen gekommen ist, bei Männern monatlich um bis zu circa acht Prozent, bei Frauen um bis zu circa 13 Prozent“, fasst Bindler das Ergebnis zusammen. Warum ist das so? Wenn Personen Gewalt erfahren, steige das Risiko, dass jemand gesundheitliche Probleme hat, eine psychische Belastung oder ein Trauma erleide, erklärt Bindler. Vielleicht könne die Person auch eine bestimmte Strecke nicht mehr fahren oder an bestimmten Orten nicht mehr arbeiten. Jobverlust kann die Folge sein. „So kommt es zu den Einkommensverlusten als Folge der Gewalterfahrung“, sagt Bindler.

Ergebnisse auf Deutschland übertragbar?

Gelten denn diese Erkenntnisse auch für Deutschland? Immerhin gehört zu den Aufgaben des DIW Berlin, Politikberatung in Deutschland zu machen. Die DIW-Wissenschaftler*innen beschäftigen sich sehr detailliert mit der Frage, welche Schlussfolgerungen sie aus ihrer Forschung auch für Deutschland ziehen können.

Anna Bindler unterscheidet dabei zwischen zwei Dingen: „Das eine sind die Zahlen, die wir errechnen, um bestimmte Effekte zu quantifizieren.“ Etwa die 8 Prozent Einkommenseinbußen bei Männern, bzw. 13 Prozent bei Frauen, die Opfer von Gewalt werden. „Das andere ist der systematische Zusammenhang, also die Erkenntnis, dass das eine mit dem anderen zusammenhängt, dass eben Gewalterfahrungen zu Einbußen im Arbeitseinkommen führen“, erklärt Bindler. Wenn es um die Frage gehe, was von ihrer Arbeit mit niederländischen Daten auch für Deutschland gelte, unterscheidet sie zwischen den beiden Dingen. Die konkreten Zahlen würden nicht unbedingt genauso für Deutschland gelten. „Unsere Arbeitsmärkte sind etwas anders ausgestaltet, haben einen anderen Arbeitsschutz und andere Sozialleistungen, sowie eine andere Gesundheitsvorsorge, weswegen die Zahlen nicht Eins zu Eins auf Deutschland übertragbar sind“, erklärt Bindler. Der Zusammenhang zwischen der Gewalterfahrung und den Einbußen im Arbeitseinkommen, der sei aber durchaus auf Deutschland übertragbar.

Jascha Dräger, der untersucht hat, wie sich Fehltage an der Schule in England auf die Schulnoten auswirken, erklärt, dass es gar nicht so einfach sei, die Frage nach der Übertragbarkeit zu beantworten. Grundsätzlich gelte sicher auch für Deutschland, genauso wie für England, dass Schüler*innen, die Unterrichtsstunden verpassen, in dieser Zeit nichts lernen könnten und deshalb schlechtere Abschlussnoten bekämen. Was die konkreten Ergebnisse angeht, etwa, dass es in den Schuljahren 6 bis 10 in England besonders negative Folgen hat, wenn Schüler*innen fehlen, lasse sich nicht auf Deutschland übertragen. „England hat ein anderes Bildungssystem, in dem die Kinder sechs Jahre zur Grundschule gehen. Auch in der Sekundarstufe werden sie nicht auf unterschiedliche Schulformen, sondern je nach Fach in unterschiedliche Leistungsgruppen aufgeteilt.“ Der DIW-Bildungsforscher vermutet für Deutschland mit seinem Schulsystem, in dem in den meisten Bundesländern, die Kinder bereits nach dem vierten Schuljahr auf verschiedene Schulformen aufgeteilt werden, andere Ergebnisse. „Meine Hypothese wäre, dass es in Deutschland besonders schlimme Auswirkungen hätte, wenn die Kinder in der dritten und vierten Klasse fehlen“, so Dräger. Um das zu untersuchen, bräuchte es aber auch für Deutschland die Datensätze, die es beispielsweise in England gibt.

Forschung zu Bildungsungleichheit mithilfe englischer Daten – das hat Bildungsforscher Jascha Dräger für das DIW Berlin gemacht.
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Auch Hannes Ullrich, der sich mit der Verschreibung von Antibiotika in Dänemark beschäftigt hat, sieht es ähnlich: Die konkreten Zahlen seien nicht direkt übertragbar, die Zusammenhänge schon. „Wenn man über einen grundsätzlichen Wirkmechanismus von einer Handlung spricht, hier der Frage, warum Ärzt*innen unterschiedlich Antibiotika verschreiben, dann kann man das schon übertragen“, so Ullrich. Man müsse sich dafür jedoch immer die Situation in dem jeweiligen Land anschauen. In Dänemark gibt es zum Beispiel das Hausarztprinzip, das regelt, dass Patient*innen immer erst zu ihrer Hausarztpraxis gehen, bevor sie Fachärzt*innen besuchen. Diese Regelung reduziert zum Beispiel häufige oder kurzfristige Praxiswechsel und unterstützt Patient*innen bei der Suche nach medizinischer Behandlung. „Das ist schon ein anderer Ansatz der Primärversorgung als zurzeit in Deutschland, der zu weniger ineffizienten Unterschieden in den Behandlungsqualitäten führen sollte“, sagt Ullrich. Deshalb vermutet Ullrich auch, dass bei uns ineffiziente Antibiotikaverschreibungen ein noch größeres Problem sein könnten — wenn es die entsprechenden Daten für Deutschland gäbe, könnte diese Vermutung überprüft werden.

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Umso wichtiger wird es sein, dass auch Deutschland endlich die Daten, die verschiedene staatliche Stellen erheben, der Forschung zur Verfügung stellt. Dafür sollte es ein Forschungsdatengesetz (FDG) geben. Eckpunkte dafür wurden am 28.2.2024 vorgestellt. Laut Bundesforschungsministerium gibt es einen Referentenentwurf für das Gesetz, aber noch keinen Kabinettsbeschluss. Durch das Aus der vorherigen Ampel-Regierung hatte sich die Verabschiedung eines Forschungsdatengesetzes verzögert. Hannes Ullrich und Alexander Schiersch hatten schon im März 2025 im Vorfeld der Bundestagswahl in einem DIW Aktuell für eine rasche Umsetzung geworben: „Internationale Erfahrungen zeigen, dass eine bessere Datenverfügbarkeit die Zahl hochwertiger wissenschaftlicher Publikationen sowie deren Nutzung in politischen Entscheidungsprozessen erhöht.“infoDIW Berlin (2025): abrufbar unter: Forschungsdatengesetz: Fakten stärken Vertrauen in Politik und Wissenschaft, abrufbar unter: https://www.diw.de/de/diw_01.c.942110.de/publikationen/diw_aktuell/2025_0115/forschungsdatengesetz__fakten_staerken_vertrauen_in_politik_und_wissenschaft.html

Autorin: Lena Högemann

100 JAHRE DIW BERLIN IN FÜNF EPOCHEN

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