Ergebnisse auf Deutschland übertragbar?
Gelten denn diese Erkenntnisse auch für Deutschland? Immerhin gehört zu den Aufgaben des DIW Berlin, Politikberatung in Deutschland zu machen. Die DIW-Wissenschaftler*innen beschäftigen sich sehr detailliert mit der Frage, welche Schlussfolgerungen sie aus ihrer Forschung auch für Deutschland ziehen können.
Anna Bindler unterscheidet dabei zwischen zwei Dingen: „Das eine sind die Zahlen, die wir errechnen, um bestimmte Effekte zu quantifizieren.“ Etwa die 8 Prozent Einkommenseinbußen bei Männern, bzw. 13 Prozent bei Frauen, die Opfer von Gewalt werden. „Das andere ist der systematische Zusammenhang, also die Erkenntnis, dass das eine mit dem anderen zusammenhängt, dass eben Gewalterfahrungen zu Einbußen im Arbeitseinkommen führen“, erklärt Bindler. Wenn es um die Frage gehe, was von ihrer Arbeit mit niederländischen Daten auch für Deutschland gelte, unterscheidet sie zwischen den beiden Dingen. Die konkreten Zahlen würden nicht unbedingt genauso für Deutschland gelten. „Unsere Arbeitsmärkte sind etwas anders ausgestaltet, haben einen anderen Arbeitsschutz und andere Sozialleistungen, sowie eine andere Gesundheitsvorsorge, weswegen die Zahlen nicht Eins zu Eins auf Deutschland übertragbar sind“, erklärt Bindler. Der Zusammenhang zwischen der Gewalterfahrung und den Einbußen im Arbeitseinkommen, der sei aber durchaus auf Deutschland übertragbar.
Jascha Dräger, der untersucht hat, wie sich Fehltage an der Schule in England auf die Schulnoten auswirken, erklärt, dass es gar nicht so einfach sei, die Frage nach der Übertragbarkeit zu beantworten. Grundsätzlich gelte sicher auch für Deutschland, genauso wie für England, dass Schüler*innen, die Unterrichtsstunden verpassen, in dieser Zeit nichts lernen könnten und deshalb schlechtere Abschlussnoten bekämen. Was die konkreten Ergebnisse angeht, etwa, dass es in den Schuljahren 6 bis 10 in England besonders negative Folgen hat, wenn Schüler*innen fehlen, lasse sich nicht auf Deutschland übertragen. „England hat ein anderes Bildungssystem, in dem die Kinder sechs Jahre zur Grundschule gehen. Auch in der Sekundarstufe werden sie nicht auf unterschiedliche Schulformen, sondern je nach Fach in unterschiedliche Leistungsgruppen aufgeteilt.“ Der DIW-Bildungsforscher vermutet für Deutschland mit seinem Schulsystem, in dem in den meisten Bundesländern, die Kinder bereits nach dem vierten Schuljahr auf verschiedene Schulformen aufgeteilt werden, andere Ergebnisse. „Meine Hypothese wäre, dass es in Deutschland besonders schlimme Auswirkungen hätte, wenn die Kinder in der dritten und vierten Klasse fehlen“, so Dräger. Um das zu untersuchen, bräuchte es aber auch für Deutschland die Datensätze, die es beispielsweise in England gibt.